SBB Verwaltungsrat verabschiedet Bericht zur Strompanne.

Der Verwaltungsrat der SBB AG hat sich mit dem ausführlichen Bericht zum schweizweiten Stromausfall vom 22. Juni 2005 befasst. Dieser zeigt neben dem chronologischen Ablauf und der detaillierten Ursachenanalyse auch zahlreiche Massnahmen auf, mit denen eine Panne dieser Grössenordnung künftig verhindert werden soll. Der Verwaltungsrat hat den Bericht zustimmend verabschiedet und ein externes Gutachten für weitere Abklärungen zur Energieversorgung und zu den Verantwortlichkeiten der Strompanne in Auftrag gegeben.

«Der Verwaltungsrat der SBB AG wollte absolute Klarheit darüber erhalten, wie es zu einem solch gravierenden betrieblichen Ereignis kommen konnte», erklärte Thierry Lalive d'Epinay am Montag anlässlich einer Medienkonferenz in Bern. Dies sei die SBB insbesondere den über 200'000 betroffenen Kundinnen und Kunden schuldig, die stundenlang stecken geblieben waren, sagte der Verwaltungsratspräsident.

Aus diesem Grund hat die SBB die Strompanne vom 22. Juni 2005 in einem Bericht detailliert rekonstruiert und analysiert. Der Bericht dokumentiert minutiös die chronologischen Abläufe des totalen Stromausfalls, die genauen Ursachen sowie die ergriffenen Sofort- und Langfrist-Massnahmen. Der Bericht hält fest, dass trotz der massiven betrieblichen Auswirkungen die Sicherheit der Reisenden und Mitarbeitenden während der Panne jederzeit gewährleistet war. Hingegen betraf der Stromausfall rund 2000 Züge, und auch im Güterverkehr kam es zu massiven Einschränkungen. Die Panne verursachte der SBB zusätzliche Kosten von rund 5 Millionen Franken in Form von Ertragsausfällen, Reparaturen, Kundenentschädigungen sowie Mehrauf-wänden. «Den finanziellen Schaden kann die SBB tragen. Nicht abschätzbar sind jedoch die Auswirkungen des Imageschadens für die SBB und den öffentlichen Verkehr», erklärte Thierry Lalive d'Epinay.


Falsche Risikoanalyse als Auslöser der unglücklichen Ursachenkette

Der Strompanne liegen drei Einzelursachen zu Grunde, die in einer unglücklichen Verkettung zum totalen Ausfall der Bahnenergieversorgung führten. Am 22. Juni 2005 mussten für Bauarbeiten aus Sicherheitsgründen zwei der drei Übertragungsverbindungen vom Gotthardgebiet nach Norden ausgeschaltet werden. Wegen bestehender falscher Anlagedaten wurde die Belastungskapazität der noch einzigen verfügbaren Übertragungsleitung von Amsteg nach Rotkreuz zu hoch eingestuft, was zu einer falschen Risikobeurteilung führte. Anschliessend führte eine Strombelastungsspitze zur Überlastung dieser Leitung und damit zu deren automatischer Ausschaltung. Dies wiederum hatte zunächst den Stromausfall im Tessin zur Folge. Hinzu kam als zweite Ursache, dass auf Grund der nun zu Tausenden in der Netzleitzentrale eintreffenden Fehlermeldungen eine Übersicht und korrekte Lagebeurteilung nicht mehr möglich war. Dies verhinderte es, rechtzeitig die notwendigen Massnahmen zu ergreifen, um den noch intakten, aber überlasteten Teil des Stromnetzes in der Deutsch- und der Westschweiz nachhaltig zu stabilisieren. Die Konsequenz: Auch im Norden fiel die ganze Bahnstromversorgung aus. Und schliesslich - als dritte Ursache - war das Szenario eines nationalen Stromausfalls nie in Betracht gezogen worden. Entsprechend verfügte die SBB über keine vorbereiteten Entscheide, um die Panne rasch und wirksam einzugrenzen. «Hingegen ist auf Grund des Berichts klar, dass zu jeder Zeit auch während der Panne genügend Strom zur Verfü-gung gestanden hätte», betonte Thierry Lalive d'Epinay.


Zahlreiche Massnahmen ergriffen und eingeleitet

Die SBB hat unverzüglich die Lehren aus dem Ereignis gezogen und in einem Bericht festgehalten. Um das Risiko einer derartigen Grosspanne weiter zu reduzieren, hat die SBB rund 20 Einzelmassnahmen ergriffen oder eingeleitet, wie Benedikt Weibel, Vorsitzender der SBB-Geschäftsleitung, erläuterte. So wurden alle Anlagedaten überprüft und wo nötig korrigiert. Die Regelreserve im Gesamtsystem wurde um 50 Megawatt erhöht. Sämtliche Prozesse wurden überprüft und die Checklisten angepasst, um eine grösstmögliche Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Ferner hat die SBB ein Vorgehen festgelegt, um bei eventuellen Schwierigkeiten die Last auf dem Netz gezielt reduzieren zu können. Künftig lassen sich - von der zentralen Energieleitstelle aus angeordnet - Züge verlangsamen oder stoppen, um so das Stromnetz in einzelnen Landesteilen zu entlasten.

In den nächsten fünf Jahren will die SBB zudem schrittweise das Netzleitsystem modernisieren. Bis Ende Jahr sollen die Mitarbeitenden durch geeignete technische Vorkehrungen wie etwa eine automatische Priorisierung der Alarmmeldungen im Ereignisfall von der Flut von Fehlermeldungen entlastet werden. Dies ermöglicht die Konzentration auf die wesentlichen Störungselemente. Stark intensiviert werden auch das Training und die Ausbildung der Mitarbeitenden im Bereich Energie für ausserordentliche Ereignisse.

Benedikt Weibel kam vor den Medien zum Schluss, dass sich mit der Summe der getroffenen Massnahmen eine flächendeckende Energiepanne nicht mehr wiederholen sollte.


Externe Analyse geht in Auftrag

Der Verwaltungsrat der SBB hat den Bericht zur Strompanne vom 22. Juni 2005 gutgeheissen, verabschiedet und zur Kenntnisnahme an die politischen Behörden weitergeleitet. Laut Thierry Lalive d'Epinay macht der Bericht neben der ausführlichen Ursachenanalyse deutlich, dass die operativen Bereiche während der Panne effizient funktioniert und zusammengearbeitet haben. «Dies war nur dank der eingespielten Organisation des integrierten Bahnsystems und den minutiösen Vorbereitungen für Bahn 2000 möglich», sagte Lalive d'Epinay. «Der enorme, flexible Einsatz des Personals sorgte für eine gute Zusammenarbeit aller Beteiligten der verschiedenen Unternehmensbereiche», betonte der Verwaltungsratspräsident. Hingegen sei ebenso klar, dass es gar nicht hätte zur Panne kommen müssen. «Die Panne wäre ganz klar zu vermeiden gewesen», sagte er, «die Lücken im Dispositiv werden jetzt rasch geschlossen».

Der vorliegende Bericht klärt abschliessend die Fragen, die zur konkreten Strompanne geführt haben und erläutert die damit verknüpften und ergriffenen Massnahmen. Das Einzelereignis und dessen öffentliche Diskussion haben jedoch generelle Fragen zur Bahnstromversorgung aufgeworfen, die mit der Ursache der Strompanne keinen direkten Zusammenhang haben und somit nicht Bestandteil des Berichtes sind. Der Verwaltungsrat der SBB hat deshalb den Auftrag für eine «second opinion» durch ein externes Audit-Unternehmen gegeben. Insbesondere geht es darum, eine Analyse der Bahnstromanlagen hinsichtlich ihrer Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit zu erstellen. Der Auftrag umfasst auch Abklärungen zur Frage, weshalb ein solcher Ereignisfall nicht mit den bestehenden Risikomanagement-Instrumenten antizipiert werden konnte. Ebenso will der Verwaltungsrat mit dem Gutachten Aufschluss über die Frage der konkreten Verantwortlichkeiten für die Strompanne erhalten.


SBB investiert in sichere Versorgung für die Zukunft

Im Weiteren orientierte die SBB die Medien auch über die längerfristigen Herausforderungen in der Bahnstromversorgung. Die aktuelle Investitionsplanung der SBB sieht vor, das Ringnetz in den nächsten zehn Jahren mit zusätzlichen Übertragungsleitungen in allen Landesteilen zu schliessen und so die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Auf Grund des zunehmenden Verkehrsvolumens rechnet die SBB in den kommenden 20 Jahren mit einem erhöhten Energiebedarf von rund 25 Prozent; dieser soll entweder durch eigene Kraftwerke oder aber durch die Frequenzumformung aus dem 50 Hertz-Netz gedeckt werden. Sie geht von jährlichen Investitionen für den Unterhalt oder die Erneuerung von Stromerzeugungs- und Verteilanlagen in der Grössenordnung von 70 Mio. Franken aus.

Die Besonderheiten der Bahnstromversorgung - grösstenteils aus umweltfreundlicher Wasserkraft - macht es notwendig, dass die SBB im Winter Strom zukaufen und im Sommer überschüssigen Strom verkaufen muss. Dieser «Handel» mit Energie - im Austausch über Frequenzumformer zum 50-Hz-Netz - dient ausschliesslich dem Strombedarfsausgleich und der Versorgungssicherheit. Die SBB verfolgt die Maxime, dass die Versorgungssicherheit immer Priorität hat vor der Erhöhung der Wirtschaftlichkeit.

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