Bilanzmedienkonferenz: «2005 war ein Rekordjahr – allerdings mit Problemen».

Die Verkehrsleistung der SBB entwickelte sich 2005 sowohl im Personen- wie im Güterverkehr erneut positiv. Noch nie reisten so viele Menschen mit der SBB, und noch nie fuhr SBB Cargo mehr Tonnenkilometer. Finanziell allerdings ist die SBB mit dem zurückliegenden Geschäftsjahr nicht zufrieden. Der SBB Konzern schloss mit einem Verlust von CHF -166,3 Mio. ab. «Das finanzielle Resultat ist äusserst unbefriedigend», erklärte Verwaltungsratspräsident Thierry Lalive d’Epinay heute in Zürich vor den Medien. Dennoch ist Lalive d’Epinay überzeugt: «Die eingeschlagene Richtung stimmt.»

Der SBB Konzern schliesst das Geschäftsjahr 2005 mit einem Konzernverlust von CHF -166,3 Mio. Im Vorjahr hatte das Unternehmen noch einen Gewinn von CHF 42,6 Mio. ausgewiesen. «Wir sind mit dem Geschäftsjahr 2005 nicht zufrieden. Denn wir präsentieren Ihnen heute rote Zahlen», sagte Verwaltungsratspräsident Thierry Lalive d’Epinay in Zürich vor den Medien. Gleichzeitig steigerte die SBB die Verkehrsleistung im Personen- wie im Güterverkehr: Die Zahl der Kundinnen und Kunden, die mit der SBB reisten, stieg um 22,5 Mio. auf insgesamt 275,9 Millionen Passagiere – so viele wie noch nie. Die zurückgelegten Personenkilometer erhöhten sich um 10,1 Prozent auf 13,83 Mia. Pkm. Die Verkehrsleistung von SBB Cargo nahm um 13,4 % auf 11,48 Mia. Nettotonnenkilometer zu.


Sechs Gründe für das negative Ergebnis

Lalive d’Epinay nannte sechs Gründe für das negative Jahresergebnis: Erstens mussten für SBB Cargo Rückstellungen von insgesamt CHF 110 Mio. vorgenommen werden. Zweitens belastete die anhaltende Unterdeckung der Pensionskasse die SBB-Rechung auch dieses Jahr mit zusätzlichen Rückstellungen von CHF 94 Mio. Drittens erhöhten sich die Trassenabgaben des Fernverkehrs um CHF 60 Mio. – dies zu Lasten des Resultats des Personenverkehrs. Viertens schlugen die Kosten für das grosse Unwetter vom letzten August mit CHF 50 Mio. zu Buche. Fünftens schloss SBB Cargo 2005 mit einem negativen Betriebsresultat von CHF 55,7 Mio. Und schliesslich wies Lalive d’Epinay sechstens auf den hohen Anteil von Vorleistungen im Personen- und im Güterverkehr hin.

«Von diesen insgesamt gut 350 Millionen Franken haben über 250 Millionen ausserordentlichen Charakter – inklusive Rückstellungen für die Pensionskasse», sagte Lalive d’Epinay; bei den Beiträgen des Bundes müsse «angesichts der aktuellen finanziellen Lage des Bundes leider eher noch mit einer Verschärfung gerechnet werden». Insgesamt bezeichnete der Verwaltungsratspräsident der SBB AG das finanzielle Resultat des Unternehmens als «äusserst unbefriedigend».


Bahn 2000 ist eine Erfolgsgeschichte

Zur Bahn 2000, die mit dem grossen Fahrplanwechsel im Dezember 2004 in Betrieb ging, sagte Lalive d’Epinay, diese sei «eine Erfolgsgeschichte der SBB, die von der internationalen Bahnwelt mit grossem Interesse und einiger Bewunderung verfolgt wird.» Die Kehrseite der Medaille sei indes, dass mit der Verdichtung des Fahrplanes auch die Auswirkungen einzelner betrieblicher Störungen grösser seien. Dadurch erhalte das Risk Management «eine starke zusätzliche Dimension»; es brauche ein System, das Risiken identifiziere, die Wahrscheinlichkeit des Auftretens minimiere und deren Verkettung zu einem grossen Ereignis verhindere. Bereits vor der grossen Strompanne vom 22. Juni 2005 habe die SBB an einem solchen Risk Management gebaut. «Mit der Erfahrung vom 22.6.2005 kamen zusätzliche Massnahmen hinzu», sagte Lalive d’Epinay, «heute stehen wir deutlich besser da als noch vor Jahresfrist.»

Der Verwaltungsratspräsident der SBB AG plädierte einmal mehr für eine «integrierte Bahn» und gegen die Trennung von Schiene und Bahnbetrieb. Der heutige attraktive und leistungsfähige dichte Fahrplan der SBB habe «nur dank der integralen Entwicklung von Personenverkehr, Güterverkehr und Infrastruktur unter einer Verantwortung» erreicht werden können, «und dies gilt für die künftige Entwicklung noch viel mehr.» Pünktlichkeit, Qualität und Sicherheit als Grundwerte der SBB seien «nur mit einer durchgehenden Lösung» zu erreichen.


«Strompanne geht in die Annalen ein»

Auch Benedikt Weibel, der Vorsitzende der Geschäftsleitung der SBB AG, nannte das zurückliegende 2005 «ein Jahr, in dem der Schatten wesentlich grösser ist als das Licht.» Die Zahlen seien «schlecht», sagte Weibel, «auch wenn viele ausserordentliche Faktoren dazu beigetragen haben.» So habe die SBB 2005 die Störungsminuten um zwanzig Prozent reduzieren wollen, doch seien sie in der Realität um zwanzig Prozent gestiegen. Auch Weibel liess die grosse Strompanne nicht unerwähnt: «Sie wird in die Annalen der SBB eingehen.» Allerdings seien die Auswirkungen der «schon fast wieder vergessenen Augustwoche mit gewaltigen Unwettern in jeder Hinsicht viel gravierender» gewesen. Das Unwetter habe materiell «zum grössten Schaden geführt, seit die SBB sich gegen solche Ereignisse versichert.»

Im Güterverkehr habe die SBB zwar gewusst, dass sich die Konkurrenzsituation im Wagenladungsverkehr infolge der generellen Anhebung der Maximalgewichte der Lastwagen auf vierzig Tonnen verschlechtern würde, weil die gleichzeitig vorgenommene Erhöhung der leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA) diesen Produktionsgewinn bei den schweren Gütern nicht zu kompensieren vermöge. «Trotzdem» – so Weibel – «haben wir einen solch starken Ertragseinbruch nicht erwartet.» Das aufgrund der Entwicklung ausgelöste Restrukturierungsprogramm von SBB Cargo sei «sorgfältig geplant», so dass sich «die zu erwartenden Verkehrsverluste in engem Rahmen» halten. Die Massnahmen würden in diesem Jahr umgesetzt, «seine Spuren hat das Programm infolge hoher Rückstellungen aber bereits in der Rechnung 2005 hinterlassen», sagte Weibel.


Am Gotthard verloren, in Deutschland gewonnen

Der Vorsitzende der Geschäftsleitung kam auch auf den internationalen Güterverkehr auf der Nord-Süd-Achse durch die Schweiz zu sprechen, wo infolge der europäischen Marktöffnung «die Konkurrenz am intensivsten» sei. Dies zeige sich an der Tatsache – so Weibel –, «dass wir am Gotthard und Simplon 12,8 Prozent weniger Tonnen transportierten, gleichzeitig aber die Verkehrsleistung auf der Achse Deutschland–Italien um 23 Prozent erhöhen konnten.» In der Schweiz habe die SBB als früherer Monopolist zwar Tonnen verloren, «dafür fahren wir nun die Züge von deutschen Kunden durch die Schweiz und in Italien.»

Auf der positiven Seite von 2005 nannte Weibel unter anderem die Kundenzufriedenheit im Personenverkehr, die angestiegen sei. Erfreulich sei auch die Entwicklung bei den General- und Halbtaxabonnements: «Bald werden wir das 300’000ste Generalabonnement im Umlauf feiern», sagte Weibel; als er 1986 als junger Marketingchef beim Personenverkehr begonnen habe, seien ganze 25'000 GAs im Umlauf gewesen. Auch die Zahl der Halbtaxabos habe sich seither verdreifacht auf knapp zwei Millionen.

Für die SBB immer wichtiger ist gemäss dem Geschäftsleitungsvorsitzenden das Immobiliengeschäft. 2005 leistete der Immobilienbereich der SBB einen Zuschuss an die Infrastruktur in der Höhe von CHF 190 Mio. Das sind CHF 30 Mio. mehr als im Vorjahr. Dennoch verzeichnete SBB Immobilien einen Überschuss von CHF 21 Mio. «Ein wesentlicher Grund für das gute Ergebnis waren die durch Bahn 2000 ausgelösten Mehrfrequenzen», sagte Weibel. Die attraktiven Ladengeschäfte in den Bahnhöfen und die grossen Passagierfrequenzen der Bahn hätten sich «gegenseitig befruchtet.»


Die Zahlen

Der Leiter Finanzen der SBB AG, Claude Alain Dulex, präsentierte vor den Medien die Zahlen zum Geschäftsjahr 2005.

Insgesamt erzielten SBB Personenverkehr (CHF 78,6 Mio.), Infrastruktur (CHF 17,4 Mio.) und Immobilien (CHF 21,0 Mio.) 2005 positive Resultate. Diese vermochten aber das stark negative Resultat des Güterverkehrs (CHF -165,7 Mio.), das durch die angesprochenen Sondereffekte in der Höhe von CHF 110 Mio. wesentlich beeinträchtigt wurde, nicht wettmachen. Hinzu kommt ein negatives Ergebnis der Zentralbereiche (CHF -117,6 Mio.), das durch die Rückstellungen für die Pensionskasse sowie Aufwendungen für das SBB Reintegrationsprogramm NOA geprägt wurde.

Der Betriebsertrag erhöhte sich um 1,1 Prozent auf CHF 7087,8 Mio. (+1,1%), der Betriebsaufwand stieg um 5,2 Prozent auf CHF 7107,0 Mio. Das Betriebsergebnis aus der operativen Geschäftstätigkeit beläuft sich ohne die gemäss FER16 vorgenommenen zusätzlichen Rückstellungen für die Pensionskasse auf CHF-19,2 Mio. (2004: CHF 251,1 Mio.). Die Zuweisungen an die FER16-Rückstellungen betragen CHF94 Mio. (2004: CHF 150 Mio.). Das Betriebsergebnis nach FER16 ging von CHF101,1Mio. im Vorjahr auf CHF -113,2 Mio. zurück.

Die konsolidierten Verkehrserträge lagen mit CHF 3170,8 Mio. um CHF 122,2 Mio. höher als im Vorjahr. Während der Personenverkehr die Verkehrserträge um 11,0 % auf 2076,2 Mio. zu steigern vermochte, gingen bei SBB Cargo die Verkehrserträge um 6,9 % auf CHF 957,2 Mio. zurück.

Der SBB seien «komplexe Finanzmechanismen eigen, welche die finanzielle Aussagekraft eines Gewinn- oder Verlustausweises letztendlich relativieren», sagte Finanzchef Dulex. So habe der Bund «Wege, Gewinnanteile der eigenwirtschaftlich arbeitenden Bereiche bereits vor dem Gewinnausweis abzuschöpfen». Dies zeige sich insbesondere bei den Immobilien, wo – so Dulex – «fast der ganze Gewinn vor dem eigentlichen Gewinnausweis durch den Transfer an die Infrastruktur abgeschöpft wird, gewissermassen als vorweggenommene Dividende.» Für Dulex ist «finanziell von entscheidender Bedeutung, dass der SBB die Mittel für die weiteren Investitionen und Geschäftsentwicklungen nicht entzogen werden und ein Eigenfinanzierungsgrad erreicht wird, welcher der steigenden Nettoverschuldung entgegenwirken kann».

  • Medienmitteilung zum Jahresergebnis 2005 vom 20. März 2006
  • SBB Konzern in Zahlen
  • Referate von Thierry Lalive d’Epinay, Präsident des Verwaltungsrates der SBB AG und Benedikt Weibel, Vorsitzender der Geschäftsleitung der SBB AG
  • Geschäftsbericht 2005Link öffnet in neuem Fenster.