Eine Reise in die pechschwarze Finsternis.

Das neuenburgische Val-de-Travers lädt zu einer Entdeckungsreise durch das Stollensystem der einzigen Asphaltmine der Schweiz. Am Ende des Labyrinths lockt eine lokale Spezialität: in Asphalt gekochter Schinken. Von Catarina Martins

Je weiter der Zug vom herrschaftlichen Neuenburg in Richtung Val-de-Travers   vor­­dringt, desto tiefer reise ich in enge Täler und dunkle Wälder, die an den geheimnisvollen Märchenforst der Gebrüder Grimm erinnern. Steigt man nach einer halben Stunde an der Station «La Presta Mines d’asphalte» aus, hofft man geradezu, die sieben Zwerge tauchten mit Spitzhacke und Gaslampe auf. Das Septett könnte stolz einen schwarzen Schatz präsentieren, der dem Val-de-Travers einst zu internationalem Ruhm verhalf: Asphalt.

Spitzhacke und Gaslampe braucht man bei der Besichtigung der Asphaltmine La Presta zwar nicht mehr. Dafür schnalle ich mir einen Helm auf und bekomme eine Taschenlampe in die Hand gedrückt. An diesem Nachmittag kurz vor Frühlingsanfang marschieren wir lediglich zu sechst in die Mine. Unter uns befindet sich Maurice Kozah, ein Bauingenieur aus dem Libanon, der ein Faible für Natur und Geologie hat und mit seinem Schwager die Mine besichtigt. Der Sprachenwirrwarr ist dementsprechend gross: Es vermischen sich Basler Dialekt und Berndeutsch mit Französisch und Englisch.

Bis nach Rio und New York

Nach gut hundert Schritten im Innern der Mine blinken Warnlichter und ein mechanisches Eisentor öffnet sich träge. Pechschwarze Nacht erstreckt sich vor uns. Wasser tropft von der gut zwei Meter hohen Decke. Leichenblasse, bizarr verdrehte Hutpilze schiessen aus Wänden und Boden. An einer Stelle hat sich ein Pilzgeflecht gebildet, das an diamantengeschmückte Goldfäden erinnert. Obwohl es ohne Unterbruch tropft, durchforschen wir hier keine Tropfsteinhöhle, sondern die einzige Asphaltmine, die es je in der Schweiz gegeben hat.

Wasser begleitet uns während der ganzen Tour. Manchmal meine ich, tosendes Schäumen zu hören und erwarte einen reissenden Fluss. Doch dann taucht nur ein gut zwei Meter hoher Wasserfall im Lichtstrahl meiner Taschenlampe auf. Später frisst sich ein kristallklares Bächlein in den Boden und verschwindet weiter vorne wieder in der Dunkelheit.

Plötzlich verändert sich der Geruch. Roch die Luft vorher erdig und leicht muffig, duftet sie nun nach Eukalyptus. Unsere Guide Meieli Monnier deutet auf die Farbunterschiede im Felsen hin: Das hellbraune Kalkgestein weicht dem dunkel-gräulichen Asphalt. Der Schatz von La Presta ist ein Gemisch aus Gestein und dem Bindemittel Bitumen. Asphalt oder Erdpech, wie das Material auch genannt wird, ist ein schwarzes, zähes Gemisch, das vor allem im Strassenbau eingesetzt wird. Zwischen 1712 und 1986 wurden im Val-de-Travers pro Jahr durchschnittlich 20 000 Tonnen davon abgebaut. Der gefragte Stoff wurde rund um den Globus von Budapest bis nach New York und Rio de Janeiro für den Strassenbau verwendet.

Zeugen einer vergangenen Ära

In der letzten Etappe der Tour verschmelzen hundertjährige Schwarz-Weiss-Fotos der stolzen Minenarbeiter mit dem grauen Fels. Nicht nur diese Aufnahmen zeugen von der harten Arbeit in La Presta. Auch Werkzeuge und Maschinen wie Spitzhacke, Bohrmaschine, Bagger und Minenkatze erzählen von einer längst vergangenen Ära.

Maurice Kozah hält alles mit seinem Smartphone fest und nickt 
begeistert. Die letzten Meter sind 
danach schnell geschafft. Nach 90 Minuten stehen wir wieder im Tageslicht – die Minenarbeiter hingegen verbrachten über zehn Stunden pro Tag unter der Erde. Was sich für mich wie eine kleine Weltreise anfühlte, war von der Distanz her bloss ein Spaziergang: Lediglich ein Prozent des rund 100 Kilometer langen Labyrinths ist begehbar. Die übrigen Stollen sind eingestürzt oder einsturzgefährdet. Denn der grösste Teil des alten Minensystems liegt unter dem Wasserspiegel der Areuse, das Wasser ist im Lauf der Jahre eingesickert.

Kulinarische Rarität

Zurück im Tageslicht kann man seine Entdeckungstour im «Café des Mines» kulinarisch krönen. Mit dabei ist wieder der Asphalt. Denn dieser legte nicht nur den Grundstein für einen bescheidenen Wohlstand in der Region, sondern auch für eine lokale Küchenspezialität: in Asphalt gekochter Schinken. Das Fleisch aus dem Asphaltbad wird zusammen mit Kartoffelgratin und Gemüse serviert. Damit das Gericht nicht nach Asphalt an 
einem brütend heissen Sommertag schmeckt, wird es in mehrere Lagen Metzgerpapier eingeschlagen. So hat das Fleisch keinen Kontakt mit dem 180 Grad heissen, flüssigen Asphalt, in dem es gekocht wird. Der Schinken schmeckt würzig und hat eine aussergewöhnlich saftige Kruste. Die Mahlzeit, die den Minenarbeitern wieder zu Kräften verhalf, stärkt heute die hungrigen Minenbesucher.

Dem schwarzen Schatz auf der Spur

  • Öffnungszeiten / Führungen: 
Von 1. April bis 1. November täglich um 10.30 Uhr und um 14 Uhr; im Juli und August gibt es zusätzliche Besichtigungen um 12 Uhr und 16 Uhr; ungeführte Besichtigungen sind nicht möglich.
  • Dauer / Länge: 90 Minuten / 1 km
  • Anforderung: Leicht; in der Mine herrschen immer 8 Grad und der Boden ist uneben, deshalb warme, wetterfeste Kleidung und gute Schuhe anziehen.
  • Kinder: für Kinder geeignet
  • Anmeldung: telefonisch unter 032 864 90 64 oder per E-Mail an info@gout-region.ch
  • Preise:  Erwachsene: CHF 16.–
  • Kinder bis zu 16 Jahren: CHF 10.–
  • Studenten / Lehrlinge: CHF 12.50
  • (Ermässigungen für Gruppen ab 8 Pers.)
  • Besonderheiten: Im «Café des Mines» kann man in heissem Asphalt gekochten Schinken essen; täglich geöffnet 
von 9.30 Uhr bis 17 Uhr.

Wie komme ich hin?

Anreise (Umsteigen in Biel / Bienne 
und Neuchâtel, Stundentakt)

Basel ab 8.03 Uhr

La Presta Mines d’asphalte an 10.10 Uhr

 

Rückreise (Umsteigen in Neuchâtel und Biel / Bienne, Stundentakt)

La Presta Mines d’asphalte ab 14.46 Uhr

Neuchâtel ab 15.27 Uhr


Basel SBB an 16.55 Uhr

 

Billettpreis 2. Klasse ab Basel SBB

Halbtax CHF 49.–

Erwachsene CHF 98.–

plus Schiff CHF 14.–

Junior- / Mitfahrkarte gültig

 

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