Zeit zu säumen.

Sie waren rohe Burschen und ihr Weg oft gefährlich: Wie früher die Säumer, sind wir am Grimselpass mit Ross und Esel 
unterwegs. Auf einem Teilstück der «Sbrinz-Route», dem alten Säumerweg. Von Üsé Meyer

Die Handrücken der Säumer gehen zur Nase und das braune Schnupfpulver verschwindet im Nasenloch. Danach wird mit den kleinen, weinbefüllten Stahlbechern lauthals zugeprostet. «Ein Säumer der nicht schnupft und säuft, ist wie sein Esel der nicht läuft.» Nicht nur ihr Gebaren erinnert an frühere Zeiten – mit ihren urchigen Hemden und Hosen, den Fellgilets und den breitrandigen Hüten sehen Hans, Tres, Daniel und Josef tatsächlich so aus wie die Säumer vor gut 200 Jahren. Und diese waren nun mal bekannt fürs Saufen und Raufen. Oder wie es der deutsche Geograf Gerhard Philipp Norrmann 1796 ausdrückte: «Die Säumer haben überhaupt ein beschwerliches Leben, sind meistens armselig und gewöhnlich und die rohesten im ganzen Land.»

Die vier Mannen in urtümlicher Kluft sind aber eigentlich zivilisiert, wochentags Magaziner, Unternehmer oder Zimmermeister, und betreiben die Säumerei nur als Hobby. Mit ihnen, ihrem Ross und den fünf Eseln wird sich unsere kleine Wandergruppe auf ein Teilstück des originalen Säumerweges begeben.

Keine Zeit zu versäumen

Die «Sbrinz-Route» führte von Luzern in das norditalienische Städtchen Domodossola über die Pässe Brünig, Grimsel und Gries, war jahrhundertelang der kürzeste Weg von der Innerschweiz nach Italien und aufgrund der tiefen Wegzölle ausserdem der günstigste. Unser Weg führt uns auf der Berner Seite des Grimselpasses von der Handegg zum Räterichsbodensee. 

Bis auf Fury, den jüngsten Esel, verfügen alle Tiere über Säumer­erfahrung. Die Haflinger-Stute Aleika trägt heute zwei grosse Laibe Sbrinz – knapp 100 Kilogramm Käse – auf ihrem Buckel. Und den Eseln wurden Weinfässer, Heusäcke, Körbe mit Essen und kleine Sbrinz-Laibe auf den Rücken festgezurrt. Nun trottet der Tross in stetem Schritt los. «Die Tiere sind sehr gerne dabei, auch bei unseren langen, mehrtätigen Säumer­treks», erklärt Säumer Josef. Pferde etwa würden in der Wildnis täglich 40 bis 50 Kilometer laufen. Auch das Lastentragen sei kein Problem, sagt er. «Bei guter Haltung und entsprechender Belohnung machen sie das gerne für ihren Besitzer.»

Sicher überqueren die Tiere mit wasserumspülten Hufen ein Bachbett und bald passieren wir den sogenannten Säumerstein: einen grossen Granitblock in dessen Schatten die Säumer damals gerne eine Rast einlegten. Viele Pausen konnten sie sich jedoch nicht erlauben. Sie hatten einen engen Zeitplan einzuhalten, damit ihre Ware rechtzeitig zum Markttag in Domodossola ankam. Von daher, so heisst es, soll auch die Redewendung «Keine Zeit versäumen» rühren.

 

Aleika leistet sich einen Ausrutscher

Auf den Markt in Domodossola brachten die Säumer vor allem Hartkäse aus der Innerschweiz (den heutigen Sbrinz), Vieh und Salz. Auf dem Rückweg transportierten sie Wein, Kastanien, Reis, Gewürze und Seide in die Schweiz. Zu besten Zeiten passierten mehr als 200 Saumtiere wöchentlich die Strecke. 

Zum Saumweg ausgebaut wurde sie dank eines Vertrages von 1397, in dem die beteiligten Gemeinden beschlossen, eine sichere Handelsroute anzulegen. Finanziert wurde das Ganze mit den Wegzöllen. So laufen wir jetzt also über schmale Stein­wege, die vor Hunderten von Jahren angelegt wurden, genauso wie die von Hand in den Fels gehauenen Steinstufen bei der Hälenplatte. Die abschüssige, vom Aaregletscher glatt geschliffene Steinplatte war neben Steinschlag, Lawinen oder Überfällen eine von vielen Gefahren auf dem Weg nach Italien. «Wenn hier ein Tier ausrutschte, war es vorbei», erzählt Hobbysäumer Josef. «Dann landete es unten im Tobel – und mit ihm die anderen Tiere.» Denn ein Säumer führte meist bis zu sechs aneinandergebundene Tiere. 

Auch die unseren scheinen sich der Gefahren bewusst zu sein: Wo immer möglich, suchen sie ihren Weg im Gras statt über die rutschigen Steine. Nur einmal wählt die Stute Aleika den Weg über eine Steinplatte, statt schön hinter ihrem Besitzer Hans zu laufen. Sie rutscht aus und geht zu Boden. Wir Wanderer erschrecken. Hans lächelt nur, tätschelt ihren Hals und sagt: «Du lernst es schon noch.» Die Tiere haben einen sehr regelmässigen Gang, ihr Hufschlag gibt uns Wanderern den Takt an – was das Laufen sehr angenehm macht. 

Nicht störrisch, sondern intelligent

Wir überqueren zwei schöne alte Steinbrücken, dann stoppt der Esel Fury. Vor einer kleinen Wasserrinne, die den Weg quert, gräbt er seine Hinterhufe in den Boden und macht keinen Wank. Der bärtige Tres blinzelt seinem Esel zu und wartet. Viele würden behaupten, Esel seien störrisch, sagt er. «Aber das stimmt nicht. Esel sind einfach nur intelligent.» An heiklen Stellen müsse man ihnen Zeit lassen, erklärt Tres, denn der Esel wolle einfach erst die Gewissheit haben, dass die Passage ohne Gefahr gemeistert werden könne. 

Bald schon gelangen wir zum Räterichsbodensee und damit auch in die Nähe der heutigen Passstrasse über den Grimsel. Der Strassenbau, namentlich jener der Gotthardpassstrasse um 1830, läutete den Niedergang der Säumerei ein. Endgültig besiegelt wurde deren Ende 1883 mit der Eröffnung der Gotthardbahn. Endgültig? Nicht, solange sich einige Nostalgiker in die urtümliche Kluft der Säumer schmeissen, deren rohen Sitten zelebrieren und mit Ross, Esel, Sack und Pack die historischen Routen begehen.

Unterwegs auf alten Pfaden

  • An- und Rückreise: Mit Bahn bis Meiringen und mit Postauto bis Handegg bzw. retour ab Räterichsbodensee
  • Wanderung: Handegg–
Säumerstein–Älpersulz–Stockstagen–
Räterichsbodensee
  • Dauer: ca. 1 ½ Stunden
  • Höhenmeter: 300 Meter
  • Anforderung: keine
  • Hinweis / Alternativ-wanderung: 
Diese Wanderung ist nur vom 10. Juni bis 22. Oktober möglich. 
Alternativroute für April / Mai: Grafenort–Aaschlucht–Engelberg (ca. 2 Stunden); Übernachtungsmöglichkeit in Engelberg: Pension St. Jakob, Tel. 041 637 13 88, 
www.st-jakobpension.ch; Bahnverbindungen siehe Box «Wie komme ich hin».

Profitieren Sie mit AdieuAlltag

Erleben Sie eine einwöchige geführte Bergwanderung mit Saumtieren und sparen Sie 100 Franken.

  1. Wanderwoche «Sbrinz-Route» mit Säumern: 20. bis 27. August 2017, von Stansstad über drei Pässe nach Domodossola (I); Übernachtung im Doppelzimmer, mit Frühstück und Gepäcktransport. Für AdieuAlltag-Leser / -innen CHF 1070.– statt CHF 1170.–. Einzelzimmer auf Anfrage.
  2. Wanderwoche ohne Säumer: 
9. bis 15. Juli 2017, von Grafenort über  den Jochpass nach Domodossola (I)
  3. Wanderwoche ohne Säumer:
1. bis 7. Oktober 2017, von Sarnen über den Brünigpass nach Domodossola (I)

Varianten 2 und 3 mit Übernachtung im Doppelzimmer, mit Halbpension und Gepäcktransport. Für AdieuAlltag-Leser /
-innen CHF 1290.– statt CHF 1390.–, Zuschlag Einzelzimmer: CHF 30.– / Nacht.

Weitere Infos, Angebote und 
Buchung: Geschäftsstelle Förderverein Sbrinz-Route, Luzern, Tel. 041 226 21 03, wg@sbrinzroute.chLink öffnet in neuem Fenster., www.sbrinzroute.chLink öffnet in neuem Fenster.

Alternativroute mit Sonderangebot:

Ab April: Grafenort–Aaschlucht–Engelberg (ca. 2 Stunden); Übernachtung in Engelberg: 50 % auf Zimmerbuchung: 2 Nächte für den Preis von 1 Nacht in der Pension St. Jakob, Tel. 041 637 13 88, oder im Hotel Waldegg, Tel. 041 639 69 00. Gültig bis 30. Juni 2017 (Stichwort «Adieu Alltag»);

Wie komme ich hin?

Anreise  (Umsteigen in Luzern, Stundentakt)

Basel SBB ab 9.04 Uhr

Grafenort an 10.38 Uhr

 

Rückreise (Umsteigen in Luzern, 
Stundentakt)

Engelberg ab 16.01 Uhr

Basel SBB an 17.55 Uhr

 

Billettpreis 2. Klasse ab Basel SBB 
(Rundfahrt)

Halbtax CHF 45.–

Erwachsene, Rundfahrt  CHF 90.–

Junior- / Mitfahrkarte gültig

 

Bis zu 50 % günstiger fahren: 
sbb.ch/ticketshop

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